Feenzauber

Hüpferling – Eine kleine Amselgeschichte

von Gerhard Paduschek 

Amselmann

Jedes Jahr im Frühling und Frühsommer suchen viele Vogelpärchen in der Natur nach geeigneten Plätzchen, um ihr Nest zu bauen, Junge zur Welt zu bringen und ausreichend Futter zu suchen.
Manche, wie zum Beispiel Amseln, suchen ihre Nistplätze auch auf bewohnten Grundstücken.

Von einem lustigen und schönen Erlebnis mit einem Amselpärchen soll meine kleine Geschichte berichten. Diese wird von einer kleinen Amsel selbst erzählt.
Ich wünsche viel Spaß dabei.

Mit Fleiß, ein eigenes Heim

Guten Tag. Darf ich mich vorstellen? Ich bin Hüpferling, ein prächtiges Amselmännchen, mit großen wachsamen Augen, kräftigem gelben Schnabel und einem schwarzen, glänzenden Federkleid.
Vielleicht ist Hüpferling gar nicht mein richtiger Name. Aber so nannte mich liebevoll Opa Gerhard

Ganz bestimmt gab er mir diesen Namen, weil ich beim Futtersuchen auf der Wiese oder im Gebüsch so drollig umherhüpfe. Aber ich kann auch ganz schnell laufen, mit meinen kleinen flinken Beinchen.
Im Frühsommer beschlossen wir, mein Amselfrauchen und ich, auf Opas Grundstück einzuziehen. Opas Grundstück ist nördlich von Halle, ungefähr 10 Amselflugminuten von der Stadt an der Saale entfernt. Natürlich wohnten wir nicht in Opas Haus, sondern unter seinem Carport. Das ist ein Abstellplatz für sein Auto. Es ist aus Holz gebaut und hat ein sonniges Dach. An drei seitlichen Pfosten rankten dichte grüne Klematispflanzen und boten uns reichlich Schutz und genügend Platz für ein Nest.

Diesen Ort hatte uns ein Verwandter empfohlen, der vor zwei Jahren dort auch schon ein Nest für seine Amselfamilie baute.
Tagelang suchten wir fleißig nach allem, was sich für ein großes dichtes Nest eignete. Wir sammelten Blätter, Halme, kleine Wurzeln und andere Pflanzenreste, die reichlich in der Umgebung zu finden waren.
Übrigens, Opa Gerhard konnte uns beide sehr gut unterscheiden. Mein Frauchen ist kleiner als ich, hat ein braunes Federkleid und einen kleinen graubraunen Schnabel. Sie ist meist auch ängstlicher als ich und scheu.

Als Opa unser Nest entdeckte, freute er sich sehr über seine neuen Gäste und sprach oft mit uns. Wir merkten bald, dass er
uns nie etwas antun würde und ließen uns mit gebührendem Abstand ruhig bei unserer Arbeit beobachten.

Lieber kleiner Hüpferling, kennst weder Rast noch Ruh, bist fleißig, dir ein Nest zu bau’n, suchst Futter immerzu.

Die „fliegende“ Katze

Man kann nie vorsichtig genug sein. Leider haben wir auch Feinde, die uns Amseln und besonders unseren Jungen etwas Böses antun wollen. So zum Beispiel die vielen Katzen und nachts auch die Marder, die sich auf den Wiesen herumtreiben.

Eines Abends, wir waren gerade bei der Futtersuche, da schlichen mir zwei große Katzen immer hinterher. Plötzlich sprang die eine auf mich los und ich konnte mich gerade noch auf einen Ast im hohen Kirschbaum retten, der auf dem Spielplatz vor Opa Gerhards Grundstück steht. Mein kleines Herz pochte ganz doll und ich dachte mir: „So ein Glück, dass Katzen nicht fliegen können wie wir Amseln.“. Die Katze aber sprang wild hinterher und kletterte ganz schnell den dicken Baumstamm hinauf, zwei Meter hoch. Dort oben krallte sie sich am Stamm fest, blickte um sich und dachte wohl: „Wie komm ich jetzt bloß wieder hinunter?“. Dann ließ sie sich einfach nach unten fallen, auf die Spielplatzwiese.
Ob sie sich die Pfoten oder gar die Nase wehgetan hat, weiß ich nicht.
So war die böse Katze nun doch noch „geflogen“.

Lieber kleiner Hüpferling, sei immer auf der Hut,
stets wachsam und flieg weg geschwind, dass keiner dir was tut.

Bald sind wir eine große Familie

Nach einiger Zeit hatten wir unser Nest fertig gebaut. Mein Frauchen legte ihre Eier hinein und begann zu brüten. Weil es auch bei uns Vögeln Gleichberechtigung gibt, wechselten wir uns immer beim Brüten oder Futter suchen ab.
Oft war es am Tage sehr heiß. Opa Gerhard stellte uns fürsorglich eine Schüssel mit frischem Wasser an ein schattiges Plätzchen am Carport. So hatten wir immer reichlich zu trinken.

Nach ein paar Wochen war es endlich so weit. Aus unseren Eiern schlüpften drei kleine hellbraun gefiederte Amselkinder und rissen unentwegt ihre Schnäbel ganz weit auf. Sie waren ständig hungrig und wollten schnell wachsen. Wir sagten ihnen immer wieder: „Seid auf der Hut und steckt eure Köpfchen nicht so weit aus dem Nest!“. Als Opa Gerhard unsere Jungen zum ersten Mal sah, war seine Freude groß.

Gleich zeigte er unseren Nachwuchs der kleinen Nachbarstochter Luise und natürlich ganz stolz seinem kleinen Enkeltöchterchen Amelie. Sie war gerade mit ihren Eltern aus dem fernen Schwabenland zu Besuch bei ihrem Opa.
Amelie wurde Ostern erst ein Jahr alt und konnte noch nicht richtig sprechen. Als sie auf Opas Arm sitzend meine Frau mit den Kinderchen erblickte, zeigte sie mit ihren Fingerchen auf unser Nest und sagte lächelnd: „Da!“.

Amselfrauchen

Lieber kleiner Hüpferling, hilfst deinem Frauchen fein.
Wirst, wenn die Jungen ausgeschlüpft, ein guter Vati sein.

Opa, such mich doch!

Opa Gerhard kam einmal etwas nah an unser Nest heran, um meine Frau mit den Kinderchen zu fotografieren. Nach dem
Schlüpfen unserer Jungen, war jedoch meine Frau sehr ängstlich und erschrak, als der Fotoapparat plötzlich hell aufblitzte. Es dauerte lange, bis sie ihre Scheu wieder überwunden hatte.

Ich dagegen ließ mich ruhig und gern von Opa fotografieren und spielte auch manchmal „Verstecken“ mit ihm.
Abends, wenn er auf der Couch saß und zum Fenster hinaus blickte, hüpfte ich auf der Terrasse herum, setzte mich auf den Tisch oder auf eine Stuhllehne.
Dann rief Opa immer nach mir, ging langsam zur Terrassentür und nach draußen.
Ich flitzte dann so schnell ich konnte über die Wiese und versteckte mich unter der großen Tanne oder in den dichten Zweigen der Kiefernbüsche und wartete ganz still.
Opa suchte nach mir und rief: „Hüpferling, wo bist du denn? Hab keine Angst. Ich tu dir doch nichts!“. So hatten wir oft viel Spaß miteinander.
Einmal saß Opa beim Abendessen auf seiner Terrasse. Ich flog dicht an seinem Kopf vorbei auf die Dachrinne seines flachen Bungalow-Daches und zeigte ihm voller Stolz, was ich in meinem Schnabel hatte. Es war eine große dicke grüne Raupe, die ich zum Abendessen für meine Amselfamilie gefangen hatte.
Naja, sehr erfreut sah Opa Gerhard nicht gerade aus. Sicher haben wir Amseln einen anderen Geschmack, was ein gutes Abendessen ist.

Amsel auf Dachrinne

Lieber kleiner Hüpferling, es macht mir sehr viel Spaß,
wenn ich dich lustig hüpfen seh', im hohen grünen Gras.

Es ist noch einmal gut gegangen

Eines Tages hatte ich mit meiner Familie ein ganz schlimmes Erlebnis.
Eine riesengroße rot-braun gestreifte Katze schlich wie ein Tiger am Carport in der Nähe unseres Nestes herum und schnupperte. Ich hatte mächtige Angst. Mein kleines Herz pochte schnell und kräftig als wollte es aus meiner Brust herausspringen.

Mit lautem Geschrei und schnellem hin- und herhüpfen versuchte ich die Katze zu verjagen. Aber, auch wenn ich mich noch so sehr anstrengte, es gelang mir einfach nicht, die Katze zu vertreiben.
Doch zum Glück war Opa Gerhard zu Hause. Ihm kam wohl dieses Geschrei' sehr bekannt vor. Mein Verwandter berichtete mir nämlich einmal, dass vor zwei Jahren etwas Ähnliches geschah. Damals war eine große Katze auf Opas Auto gesprungen und wollte an das Nest seiner Jungen. Vom Geschrei' meines Verwandten alarmiert, erkannte Opa die Gefahr und verjagte rasch die gefährliche Katze. Diesmal rettete Opa auch meine Familie vor der drohenden Gefahr. Durch lautes Händeklatschen hatte er die böse Katze in die Flucht geschlagen. Ich rannte und flog ihr noch eine ganze Weile hinterher, damit sie bloß nicht wiederkommt. Das war ja noch einmal gut gegangen. Gemeinsam hatten wir Schlimmes verhindert.

Abends sah Opa nach unserem Nest, damit wir und vor allem unsere Jungen nicht wieder von einer bösen Katze bedroht werden. Ich saß meist auf seinem Bungalow-Dach und konnte alles genau beobachten. Zufrieden putzte und ordnete ich dabei mein von den Anstrengungen des Tages zerzaustes Federkleid.

Lieber kleiner Hüpferling, du hüpfst gar lustig drein.
Will einer dir was Böses tun, kannst du ganz tapfer sein.

Opa hat alle Vögel lieb

Opa ist natürlich auch der Freund vieler anderer Vogel-Verwandten. In seinem Garten steht ein großes offenes Vogelhaus auf einem hohen Pfosten für alle Vögel, die in seinem Ort überwintern. Das sind zum Beispiel Meisen, Finken, Rotkehlchen und viele andere. Im Winter streut Opa reichlich Körner ins Vogelhaus und es tummeln sich dort manchmal bis zu 20 Vögel gleichzeitig und picken hungrig das Futter auf.

Ein Fink erzählte mir letztes Jahr, dass er, als mal kein Futter mehr im Vogelhäuschen war, ans Küchenfenster flog. Er klammerte sich mit seinen kleinen Krallen an einen Mauervorsprung am Fenster und zwitscherte ganz laut. Als Opa Gerhard den kleinen Fink sah, holte er gleich neues Futter und streute es ins Vogelhaus und etwas auf die Fensterbank. Der Fink bedankte sich, pickte hungrig die Körner von der Fensterbank auf und ließ sich dabei ganz nah durchs Küchenfenster beobachten.

Lieber kleiner Hüpferling, es kommt die Winterzeit.
Für deine Freunde leg ich dann reichlich Futter bereit.

Auch die schönste Zeit ist einmal zu Ende

Nun sind unsere Jungen groß genug und selbstständig geworden. Sie suchen ihr Futter alleine und haben fliegen gelernt. Wir hatten alle eine schöne Sommerzeit verbracht. Für mich und meine Frau wurde es jedoch Zeit weiterzuziehen.
Opa Gerhard schaute sich manchmal das leere Nest an, saß dann ganz traurig auf seinem Sofa, blickte suchend auf die Terrasse und auf die Wiese.

Bevor wir endgültig weiter zogen, hüpfte ich am Abend mit meiner Frau noch einmal auf der Terrasse herum, um Abschied zu nehmen. Als Opa uns bemerkte, lachte er wieder, stand auf und winkte uns zu.
Unseren Bekannten und Verwandten werden wir alles, was wir erlebt hatten, genau berichten. Vielleicht wird ja nächstes Jahr wieder ein Amselpärchen unter Opas Carport einziehen, ein Nest bauen und wie wir eine schöne Zeit erleben.

Amsel fliegt davon

Lieber kleiner Hüpferling, du fliegst von Ort zu Ort.
Die Zeit mit dir war wunderschön, doch einmal musst du fort.